Rezension einer Wanderausstellung

Der Wolkenbruch kam genau in dem Moment, als wir den Gipfel erreichten. Und anstatt den Blick genüsslich über die Tessiner Hügel, Täler und Seen schweifen zu lassen, schauten wir hastig, dass wir möglichst rasch wasserdicht eingepackt waren. Das geht schnell vorbei, sagten wir uns, und danach sagten wir nichts mehr, denn so schnell ging das nicht vorbei, und das Prasseln des Nieselregens war unter der Kapuze ausserdem so laut, dass man einander sowieso nicht mehr verstanden hätte. Das Wasser lief in Bächen durch den Bergweg und bald gefühlt in ebensolchen Bächen innen durch die Hosenbeine der vermeintlich dichten Regenhosen hinab.

«Salve!», begrüsste uns der Gastgeber auf der Alp herzlich, und lächelte ein breites Lächeln, das angesichts unseres pudelnassen Anblicks eher amüsiert als mitleidig wirkte.

Und da lag es nun alles, ausgepackt und fein säuberlich ausgebreitet. Socken, T-Shirts, Proviant, Gaskocher, Bialetti, Zahnbürstli. Was nass war, hing über dem Gestänge des Kajütenbetts, was noch nasser war, musste draussen vor der Tür bleiben. Eine Ausstellung über das Wandern, witzelten wir, und nahmen den Schenkelklopfer mit in die warme Gaststube, wo genau jenes Cheminéefeuer auf uns wartete, das wir uns während des Abstiegs wie kaum etwas Anderes herbeigesehnt hatten.

Wirklich trocken wurde das Zeugs bis am nächsten Morgen nicht. Immerhin erwartete uns dann die versprochene Sonne, die unsere Überzeugung wachsen liess, dass auch die letzten feuchten Socken und Jackenärmel im Verlaufe des Tages tempi passati sein würden. Nasse Kleidungsstücke wurden kurzerhand aussen an den Rucksack gehängt. Und so wurde aus der Ausstellung über das Wandern prompt eine Wanderausstellung. Und dafür brauchten wir nicht mal ein Museum. Wir lachten drüber, und mit uns auch einige andere; sassen doch schon die ersten Stammgäste aus dem Tal auf der Terrasse zum Sonntagskaffee, als wir die Alp mit den behängten Rucksäcken verliessen.

Beim Tessiner Publikum kam sie also gut an, unsere Berner Wanderausstellung. Zugegebenermassen haben wir nicht ganz alle Kommentare verstanden, die bei unserem Vorbeigehen im Tessiner Dialekt geäussert wurden. Wahrscheinlich war es eine gute Entscheidung, die Unterwäsche erst beim Mittagshalt zum Trocknen auszupacken.

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